Baden-Baden muss sich entscheiden

26August
2016

Wer würde nicht gern mal eine Million verdienen?

In Baden-Baden geht ein Weg zur Million so: man spaziert durch die alten Villenviertel der Stadt (Merkur oder rund um die Kaiser-Wilhem-Straße). Dort gibt es (noch) kleine Häuschen neben riesigen Villen. Meist in einer Gartenecke des Grundstückes. Es sind Schweizerhäuschen. Man könnte drin wohnen, allerdings sind es kleine Wohnungen (um die 70-80 m²) in einem gigantischen Gartenpark mit alten Bäumen.

Der Spekulant, konkret Klaus Wildemann, will da nicht wohnen.
Er kalkuliert anders:

Was für eine bescheuerte Verschwendung von Baugrund! Besonders blöd, dass das Schweizerhäuschen auch noch unter Denkmalschutz steht. Das ist bei (fast) allen diesen Häuschen so: sie sind Denkmäler der Baugeschichte Baden-Badens aus dem 19. Jahrhundert. Also beschließt der Spekulant: weg mit dem Denkmalschutz – dann bleibt nur noch ein Baugrundstück. Stattdessen klotzen wir eine Wohnanlage drauf. Aber man kann doch nicht einfach Baugeschichte platt machen? Doch, sagt der Spekulant. Man kann. Dazu braucht man aber den richtigen Architekten mit bester Verdrahtung in die Baubehörde (zum Beispiel Architekt Mußler). Und man braucht eine Baubehörde (zum Beispiel die in Baden-Baden), die bei dem Spiel mitmacht, nämlich die Baubehörde der Stadt Baden-Baden.

Das funktioniert? Sehen Sie mal das Schweizerhäuschen in der Kaiser-Wilhelmstr. 7 an. Seine Tage sind vermutlich angezählt. Erst wurde das Grundstück an Wildemann verkauft, man munkelt für 800.000 Euro. Und dann kam Mußler. Er war mal CDU-Stadtrat, der Architekt Mußler. Und er ist nebenbei noch Teilhaber von IDEAL-Wohnbau. Aber sein Hauptjob: Architekt mit Verbindungen zur Stadtverwaltung. Deshalb stellt Mußler nun eine Bauvoranfrage für ein Einfamilienhaus. Und was passiert daraufhin?

Es passieren: juristische Einsprüche der Nachbarn und ein Aufstand der Denkmalschützer.

Alle sind böse darüber, dass eine geschützte Stadtlandschaft verhunzt wird mit einem Bauklotz. Alles völlig nutzlos, Einwände werden runtergebügelt (Nachbar Meermann kann ein Lied davon singen). Seine Einwände: eigentlich dürfte man doch nur eingeschossig bauen? Gottchen, da ist ein Fehler im Bebauungsplan stehen geblieben (man hatte sich vor 15 Jahren bei den Traufhöhen versehen). Also zweigeschossig, sagt die Stadt. Und dann wird ein Einfamilienhaus beantragt (mit 450 m² Wohnfläche!). Also verlangen die Nachbarn bei einer Baubesprechung vor Ort vom Chef des Bauamtes, dass der Neubau als „Einfamilienhaus“ festgeschrieben wird (damit nicht heimlich ein Mehrfamilienhaus draus wird). „Das können wir dem Bauherren“ (also dem oben erwähnten Herrn Wildemann) nicht zumuten!“ Allen Ernstes!

Ergebnis: Wenn nicht ein Wunder geschieht, wird das Schweizerhäuschen in der Kaiser-Wilhelm-Str. 7 abgerissen. Und es kommt ein Neubau mit mindestens zwei Normal- und einem Dachgeschoss: vermutlich 4 Luxuswohnungen.

So funktioniert das, wenn man in Baden-Baden eine Million machen will!Solche Wohnungen bringen demjenigen, der sie baut, einen Haufen Geld: unter 700.000 Euro läuft da nichts, je Wohnung. Und wenn man gleich vier Wohnungen statt eines mickerigen Denkmals auf das Grundstück stellt, dann ergibt das immerhin 2.800.000 Euro. Macht für den Bauträger, also denjenigen, der da baut, rund eine Million Gewinn. Wer ein Schweizerhäuschen findet und es kaufen kann, der hat also einen Lottogewinn von einer Mio. Und zwar sicher in der Tasche. Fachleute nennen das „Windfallprofit“, ermöglicht durch die Stadtverwaltung Baden-Baden.

So geht es nicht!

Och, sagen viele Leute, die es wissen sollten, das geschieht doch überall! Ein bisschen Schiebung, eine Hand wäscht die andere, und Denkmalschutz ist was für Romantiker, welche die harte Realität der Bauwirtschaft nicht begreifen wollen oder können. Träumer eben. Wir finden: Baden-Baden sollte sich entscheiden. Wollen wir die Baudenkmäler, die sichtbare Geschichte unserer Stadt, schützen? Oder wollen wir Kohle machen, mit kostbarem Baugrund so lange spekulieren, bis alles verschwunden ist, was einmal kostbar war? Es gibt ja noch mehr Chancen.

Heute sind über 120 von einst über 200 Schweizerhäuschen verschwunden.Sie sind nicht verdunstet – sie wurden abgerissen. Dort, wo sie standen gibt es jetzt Luxuswohnungen, große Wohnungen.

Wir fordern wirksamen Denkmalschutz! Auch in Baden-Baden!

Was tut die Stadt, um ihre Denkmäler zu erhalten?

Warum begünstigt sie Bauspekulation?

Und bevor wir es vergessen: Was wird eigentlich aus dem Neuen Schloss?

Foto: Ben Becher