Der Welterbe-Status bringt einer Stadt sehr viele Vorteile

11Januar
2019

Baden-Baden Stadt bewirbt sich, UNESCO Weltkulturerbe zu werden. Der Antrag Baden-Badens soll am Ende Januar 2019 eingereicht werden. Wenn er positiv beschieden wird, ist mit dem Titel in sechs bis zehn Jahren zu rechnen. Matthias Ripp, Welterbe-Koordinator der Stadt Regensburg, erklärt im Interview, welche Chancen sich daraus ergeben könnten.

Matthias Ripp war vor seiner Arbeit in Regensburg in Bamberg verantwortlich für den Aufbau des Dokumentationszentrums Welterbe, das bundesweit Vorbildcharakter hat. Er befasst sich auch wissenschaftlich mit dem Management in UNESCO Welterbestätten. 

Herr Ripp, Sie haben Baden-Baden Ende November erstmals besucht. Wie wirkt die Stadt auf Sie?

Matthias Ripp: „Ich war sehr angetan von der Kurstadt. Villen waren lange Zeit mein Steckenpferd, ich habe eine Diplomarbeit über die Villen in Neubabelsberg verfasst, und so war ich begeistert von der Verzahnung der Villenviertel in Baden-Baden mit den Grünflächen. Baden-Baden hat eine einzigartige Kulturlandschaft. Toll dabei sind außerdem die kurzen Wege. Fast alles ist fußläufig erreichbar.“

Auch zwei andere Kurstädte bewerben sich ums Welterbe. Ist es so, dass nur eine Kurstadt den Zuschlag fürs Welterbe bekommt?

Matthias Ripp: „Nein. Der Antrag ist ein transnationaler serieller Antrag, da würden alle Städte eingetragen und einen Zuschlag bekommen. So ist dies auch bei den Städten Stralsund und Wismar der Fall.“

Was bringt es einer Stadt, zum Welterbe zu gehören?

Matthias Ripp: „Wir haben in Regensburg zum einen festgestellt, dass die Bürger sich dann noch stärker mit ihrer Stadt identifizieren. Das Thema Welterbe wirkt wie ein Katalysator. Weiterhin konnten wir Fördermittel einwerben: in zehn Jahren stolze 18 Millionen Euro zusätzliches Geld. Damit konnte die Steinerne Brücke saniert werden und die Porta praetoria. Weiterhin konnten wir das Haus der Musik bauen, eine Art Musikschule. Im Moment errichten wir eine jüdische Synagoge. Dies sind alles handfeste Vorteile für die Bürger. Ohne die zusätzlichen Gelder, die wir über unseren Titel Welterbe erlangt haben, wäre das vielleicht alles noch nicht möglich gewesen.

Ein weiterer Vorteil einer Stadt mit Welterbetitel ist, dass die Medienpräsenz größer wird. Über das Thema Welterbe bekommen Städte mehr Zugang zu internationalen Medien. Und natürlich haben sich auch unsere Besucherzahlen positiv entwickelt. Wir sind jetzt bei über einer Million Übernachtungen jährlich, vor dem Welterbestatus 2006 waren es etwa halb so viel.“

Wie kann sich eine Stadt idealerweise auf den Erhalt des Titels vorbereiten?

Matthias Ripp: „Es ist ratsam, dass man die Bürger mitnimmt bei dem Prozess und gut informiert, weil es am Anfang ja viele Fragen gibt: Was bedeutet das für mich? Muss ich jetzt jedes Gartenhäuschen mit der UNESCO abstimmen? Ich kann Ihnen diese Sorge nehmen: Muss man nicht. Durch regelmäßige Informationsveranstaltungen und Bürgerfragestunden kann man Ängsten vorbeugen und das Welterbe zu einer Gemeinschaftsaufgabe machen. Wir waren in Regensburg die erste Stadt in Deutschland, die ein Informationszentrum zum Welterbe auf die Beine stellte. Das gibt den Bürgern tiefe Einblicke. Sie dürfen nicht das Gefühl bekommen, dass über ihren Kopf entschieden wird. Wir haben bei uns eine kleine Verwaltungseinheit gegründet fürs Welterbe, mit insgesamt drei Stellen bei einer Einwohnerzahl von rund 170.000 Bürgern. Regensburg ist eine sehr dynamische Stadt mit vielen Bauprojekten. Wenn sehr große anstehen, etwa Hochhäuser oder Brücken gebaut werden sollen – dann sind das Dinge, die man intensiver diskutieren muss, wenn man Welterbe werden möchte. Das kann die Entscheidung beeinträchtigen. Deshalb muss man genau prüfen: Hat das Projekt Gefährungs-Potenzial? Häufig sind derlei Projekte meiner Erfahrung aber nicht, in den meisten Städten ist das in zehn Jahren wenn überhaupt mal ein Projekt.“

Wann muss diese Vorbereitung beginnen und was sollte schon jetzt getan werden?

Matthias Ripp: „Baden-Baden hat ja bereits angefangen, die Bürger zu informieren. Insofern ist die Stadt auf einem guten Weg. Jetzt muss man sehen, wie sich das mit dem Antrag entwickelt. Es ist wichtig, dass man das Thema konstant aufnimmt, egal, wie lang es mit dem Antrag dauert. Gehört man dann zum Welterbe ist, sollte man das Thema Managementplan intensiv bearbeiten, so will es die UNESCO.“

Vorbereitend fürs Welterbe sind aber auch Bauvorhaben im Kerngebiet genauer zu prüfen, oder?

Matthias Ripp: „Für normale Bauanträge wird sich nichts ändern. Es geht nur um sehr große Projekte, die zum Beispiel die historische Sichtachse berühren. Große Angst kommt oft seitens der Architekten. Das ist aber alles halb so wild. Über Hochhäuser muss man aber natürlich reden. Wenn man also vorher weiß, dass man große Bauprojekte hat, die das Welterbe beeinträchtigen, sollte man mit offenen Karten spielen. Denn es kann passieren, dass die UNESCO eine Studie abfragt, ein sogenanntes „Heritage Impact Assesment“, um potenziell negative Auswirkungen auf das Welterbe zu untersuchen.“

Welterbe kostet eine Stadt auch Einiges. Können Sie Zahlen nennen?

Matthias Ripp: „Es gibt eine gute Untersuchung von PricewaterhouseCoopers

zu diesem Thema, die besagt: Wenn man Nutzen – in Form von Fördermitteln – aus dem Titel Welterbe ziehen will, dann muss man mit dem Titel sorgfältig umgehen: Man braucht seitens der Stadt mindestens einen Kümmerer und einen guten Management-Plan, den man in die Bürgerschaft tragen muss. Es gibt viele Städte, die den Titel nur für touristische Werbung nutzen. Doch das reicht nicht: Man sollte strategisch damit umgehen. Und, wenn Sie nach Zahlen fragen: Unsere Gehälter in der Welterbekoordination haben wir mehrere Dutzend mal eingespielt. Dort, wo es gut läuft mit dem Welterbetitel, gibt es immer einen starken Kümmerer, jemand, der gut vernetzt ist und gut kommunizieren kann. Das ist ein Abstimmungs- und Koordinierungsjob. Es gibt auch Städte, die verstehen das nur als zusätzliche Aufgabe.. Regensburg ist seit 2006 Welterbe, ich bin seit 2007 Welterbekoordinator. Unser Vorbild war Bamberg, da war ich zuvor tätig. In Bamberg waren wir die erste Stadt, die solch einen Manager fürs Welterbe hatte. Das hat sich bewährt.“

Der Titel kann einer Stadt also viele finanzielle Zusatzgelder einbringen.

Matthias Ripp: „Ja, man kann durch den Titel sehr viel Geld erhalten. Regensburg hat rund 18 Millionen Euro erhalten.“

Von wem kommt dieses Geld?

Matthias Ripp: „Man kann Fördermittel beantragen, etwa auf europäischer Ebene oder über die staatliche Förderung wie z.B. über Bund-Länder-Programme. Aber das ist kein Automatismus, man muss etwas dafür tun. Welterbe ist gelebtes Erbe und tägliche Arbeit. Der Schutz des Welterbes kann nur mit dem engagierten Einsatz der Zuständigen vor Ort sowie auf regionaler und nationaler Ebene funktionieren. Die UNESCO gibt nichts dazu, sie verfügt lediglich über einen Nothilfefonds mit einem Budget mit einem zweistelligen Millionenbetrag für tausende Welterbestädte. Aus diesem Topf fließen etwa Gelder, wenn Welterbe zerstört wird, etwa wie jüngst durch Tsunamis in Südostasien.“

Was, glauben Sie, könnte ein i-Tüpfelchen für die Stadt Baden-Baden sein?

Matthias Ripp: „Es gibt schon noch etwas, was zum Thema Villen fehlt: ein Villenmuseum! Wo die Typologie der Villa mit allem, was dazugehört, etwa auch der Landschaftsmalerei, erklärt wird. So etwas könnte ich mir in Baden-Baden sehr gut vorstellen.“