„Schreckliche Jahre hinter sich“

14Januar
2020

Kinder, die vernachlässigt werden oder die zu Hause Gewalt erfahren, haben oft schon vor ihrem sechsten Geburtstag die Hölle auf Erden erlebt. Für sie ist eine intensive externe Betreuung oder der Auszug von daheim oft der letzte Ausweg. Dann führt ihr Weg meist in ein Heim. Wir haben die Stulz-Schriever’sche Stiftung in Baden-Baden besucht. Von Cornelia Mangelsdorf.

Andrea Hesch strahlt Kraft und Wärme aus. Sie ist die pädagogische Geschäftsführerin des Kinder- und Jugendheims der Stulz-Schriever' sche Stiftung – und selbst Mutter von vier erwachsenen Kindern. Die Stiftung ist Träger des heilpädagogischen Heims der Jugendhilfe, das sich als familienergänzende Einrichtung versteht. Hier können Kinder zwischen sechs und 18 Jahren in verschiedenen Gruppen unterkommen. Das Heim in Lichtental ist nicht Teil des Jugendamts, doch die Plätze werden von Jugendämtern belegt.

Betreuung für Kinder, die es schwer haben

„Wir arbeiten mit 50 Jugendämtern zusammen, unser Einzugsgebiet reicht bis Mannheim, Freiburg, die Pfalz, den Bodensee“, erklärt die Pädagogin. Insgesamt 270 Kinder werden im Kinder- und Jugendheim betreut. Nicht alle sind in den Heimen untergebracht: „Wir schicken unsere Mitarbeiter auch ambulant in Familien oder nehmen die Kinder tageweise in die Betreuung. Aber wir nehmen auch viele Kinder vollstationär auf“, erklärt Andrea Hesch. 145 Kinder sind so untergebracht, in mehreren Gruppen. Dafür gibt es in Baden-Baden neben dem Jugendheim auch Intensivgruppen, in denen auch die Jüngsten mit Jugend- und Heimerziehern rund um die Uhr zusammen in einem Haus wohnen. „Die Kinder haben zum Teil Erlebnisse hinter sich, da fällt Ihnen nichts mehr sein“, sagt Andrea Hesch, die sich auch nach Jahrzehnten in der Arbeit mit benachteiligten Kindern immer noch tief berühren lässt. Einige der Schützlinge, die im Heim wohnen, dürfen regelmäßig nach Hause fahren. Doch andere können nicht mehr dorthin zurück – etwa, weil der Verdacht auf Kindesmissbrauch besteht oder die Eltern drogenabhängig sind.

Minderjährige, die zum Spielball wurden

Ein Drittel der betreuten Kinder kommen aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Deshalb hat das Kinder- und Jugendheim eine eigene therapeutische Betreuung sowie eine Grundschule, die Rücksicht nehmen kann auf die besondere Last, die auf den kleinen Seelen liegt, außerdem eine Förderschule sowie Realschule. „Wir haben Kinder aus sozial schwachen, aber auch aus betuchten Familien“, fasst Andrea Hesch zusammen. „Sie stammen oft aus Familien, die nicht mehr vollständig sind oder aus neuen familiären Konstellationen, in denen der neue Partner nicht mit dem Kind zurechtkommt. So werden Kinder oft zum Spielball. Diese Kinder erleben oft keine Kindheit, sie müssen wie Erwachsene handeln.“

Immer mehr gestörte Eltern

Nach Heschs Erfahrung nehmen die Erkrankungen der Eltern wie Borderline, Psychosen und Depressionen immer mehr zu – keine guten Startbedingungen für deren Kinder. Diese übernehmen dann oft die Verantwortung für eine Mama, die morgens weder aufsteht noch Frühstück macht noch das Kind anzieht oder es auf den Schulweg bringt. „Bei diesen Eltern ist oft nicht mal die Grundversorgung für das Kind gewährleistet.“ Aus diesem Grund gibt es in der Grundschule der Stiftung auch ein zweites Frühstück – für viele ist es das erste.

Eine große Aufgabe für die Betreuer

Wie halten die Mitarbeiter aus, was sie da an Leid miterleben? „Sie wissen, wie bedürftig die Kinder sind“, sagt Andrea Hesch. Und für einen Moment legt sich ein Schleier um ihre Augen. Dabei ist die Arbeit mit den Kleinen nicht immer einfach. „Es kommt schon mal vor, dass es Ausraster gibt und sie beißen, kratzen oder spucken. Man darf nicht vergessen, dass viele von ihnen bindungsgestört sind und oft mit Aggressionen reagieren, wenn man ihnen zu nahe kommt.“

Rund um die Uhr für die Kleinen da

Umso wichtiger ist eine intensive Betreuung. In den sogenannten Intensivgruppen sind oftmals nur sechs Kinder in einem Haus untergebracht. Fünf bis sechs Betreuer kümmern sich rund um die Uhr um eine solche Gruppe. Sie ersetzen ein Stück weit Mama und Papa, machen Frühstück, überprüfen die Hausaufgaben, machen mit den Kindern Spaziergänge oder Ausflüge. Ein geregelter Alltag und ritualisierte Abläufe helfen, Normalität in die verstörten Leben zu bringen. In einer der Gruppen gibt es sogar einen Hund, den eine der Betreuerinnen mitbringen darf. Auch er hat natürlich eine spezielle Ausbildung genossen. Und hilft mit, dass kleine Menschen, die lange nichts zu lachen haben, wieder so etwas wie Freude empfinden können.   

Besuch bei den Kindern: Wie geht es den kleinen Menschen, die in einer Intensivgruppe leben? Wir werden bald darüber berichten.

Foto: FBB-Archiv