Hey, Chef, ich brauch ne Wohnung!

25Februar
2020

Das ist doch mal eine Idee: Arbeitgeber bauen für ihre Beschäftigten Wohnungen. Was bis in die 1970-er Jahre Usus war, erlebt gerade eine Renaissance. Mit Betriebswohnungen könnten Fachkräfte, wie sie auch in Baden-Baden fehlen, in die Kurstadt gelockt werden.

Die Wohnung, die der Arbeitgeber stellt

Rund eine Millionen Wohnungen fehlen in Deutschland. Besonders hart trifft die Raumnot Familien mit mittlerem oder kleinem Einkommen. Hoffnung bringt nun eine Idee, die in den vergangenen Jahrzehnten in Vergessenheit geriet: Immer mehr Unternehmen locken Mitarbeiter mit Werkswohnungen. Es sind längst nicht mehr Einzelfälle.

Starker Anstieg

Arnt von Bodelschwingh, Geschäftsführer des Forschungs- und Beratungs-Instituts Regiokontext, bescheinigt bei Betriebswohnungen „einen starken Anstieg der Zahlen vor allem in den letzten zwei Jahren.“ Regiokontext ist ein privates Forschungs- und Beratungsinstitut in Berlin, das sich mit Stadtentwicklung, Wohnungsmarkt und Wohnraumförderung beschäftigt. Das Unternehmen hat in einer Studie herausgefunden, dass 2019 ein Verbändebündnis der Bau- und Wohnungswirtschaft mindestens 60 neue Projekte aufgenommen hat.

Nicht nur Konzerne setzen auf Wohnungen fürs Personal

Beispiele hierfür sind etwa die Deutsche Bahn: In München hat sie 74 Wohnungen für Mitarbeiter neu bauen lassen. Auch der Flughafen München fördert den Wohnungsbau für Mitarbeiter seit Jahren: 2018 wurde ein Gebäude bezugsfertig gemacht, mit 46 möblierten Wohnungen. Einer der Vorreiter sind die Stadtwerke Köln. Sie investieren schon seit Jahren in Betriebswohnungen, wollen dies bis 2025 vorantreiben. Auch Konzerne wie VW, BASF, Bosch, Siemens und Audi haben den Trend erkannt und setzen auf Immobilien, in denen sie ihre Leute unterbringen können. Doch auch kleine Unternehmen sind dabei: Mitunter schließen sich mehrere Firmen zusammen, um ihren Mitarbeitern eine Bleibe bieten zu können.

Weniger Werkswohnungen als in den 1970-er Jahren

Schon im 19. Jahrhundert stellten Arbeitgeber Werkswohnungen zur Verfügung, die sie in Eigenregie kauften oder bauten. Arbeitskräfte wurden gebraucht, doch Wohnraum war kaum zu haben. Nach dem 2.Weltkrieg investierten Konzerne wie Volkswagen, Krupp oder BASF und staatliche Unternehmen wie die Bundespost und Bundesbahn in Wohnungen für ihre Beschäftigten. Bis in die 1970er-Jahre hinein gab es laut Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen noch rund 450 000 Werkswohnungen in Deutschland. Dann flaute der Boom ab. Heute sind es weniger als 100 000.

900 Betten für Mitarbeiter in Rust

Zeit also, dass etwas getan wird. Ein Vorzeige-Beispiel gibt es ganz in unserer Nähe: In Rust hat die Inhaber-Familie Mack, die den Europa-Park und die neue Wasserwelt Rulantica betreibt, 2019 neue Wohnungen für ihre Mitarbeiter gebaut. „Mit dem Neubau verfügen wir bald über 541 Wohneinheiten mit über 900 Betten“, sagt Corina Zanger, Leitung Unternehmens-Kommunikation.

Fachpersonal anlocken

Wohnungen für Mitarbeiter – ein Beispiel, das auch in Baden-Baden Schule machen könnte, auch wenn es hier kein Unternehmen gibt, das in der Hochsaison auf fast 4.500 Mitarbeiter kommt, so wie der Europa-Park. Doch nicht nur die großen Arbeitgeber bauen Mitarbeiterwohnungen: Auch kleine Unternehmen machen laut Regiokontext mit. Fachpersonal ist immer schwerer zu finden, Wohnraum Mangelware. Wer die Wohnung zum Job anbieten kann, bietet als Arbeitgeber echte Vorteile.

Eine Idee, auch für Baden-Baden

Über solch ein Modell könnten sich auch Investoren und Stadtverwalter in unserer Stadt Gedanken machen. Bei der Bebauung von Mischgebieten könnte man Wohnungen für Beschäftigte gleich mit einplanen. Und damit das Gerangel „Gewerbe oder Wohnraum“ fast überflüssig machen.

Foto: pixabay.com/ben becher