„Das halbherzige Engagement, dass Baden-Baden UNESCO Weltkulturerbe wird, ist riskant“

14Dezember
2018

Die Zukunft Baden-Badens liegt in der Weiterentwicklung als Kultur- und Bäderstadt – und nicht in der Umwandlung in eine Gewerbestadt. Prof. Dr. Heinrich Liesen, Stadtrat der FBB, klagt im Interview an, dass die Bürgermeister nicht genug im Sinne der Bewerbung für das UNESCO Weltkulturerbe tun.

Herr Prof. Liesen, wer hatte die Anregung, dass Baden-Baden Weltkulturerbe wird?

Heinrich Liesen: „Die Idee, den Status des Weltkulturerbes für Baden-Baden zu beantragen, kam vom Freundeskreis Lichtentaler Allee. Jahrelang fand diese Initiative im Rathaus und bei vielen Gemeinderatsmitgliedern aller Fraktionen keine Unterstützung, außer bei den Stadträten der FBB, die geschlossen dafür kämpften und es auch künftig tun werden. Zu groß war die Angst, dass man im ,Kerngebiet und der Pufferzone’ des Welterbes nicht mehr so bauen könne, wie man möchte, um möglichst hohen Gewinn zu erzielen – und dass Bausünden dann nicht mehr möglich wären.“

Wer hat die Idee vorangetrieben?

Heinrich Liesen: „Bereits 2010 wurden mit der ICOMOS-Tagung ,Kurstädte und Modebäder des 19. Jahrhunderts’ die inhaltlichen Voraussetzungen für einen Antrag entwickelt. ICOMOS nimmt Aufgaben als Berater-Organisation der UNESCO wahr. Doch die Stadtverwaltung mauerte. Als Bürgermeister Hirth auch 2015 noch nicht bereit war, die Bürger in die Diskussion miteinzubeziehen, war es der Verein Stadtbild, der die Initiative ergriff und Volkmar Eidloth vom Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg ins Kurhaus einlud zu einer gut besuchten Bürgerinformation. Thema war die Bedeutung eines solchen Antrags für Baden-Baden.“

Welche Städte sind an diesem Antrag außer Baden-Baden beteiligt?

Heinrich Liesen: „Karlsbad, Marienbad und Franzensbad in Tschechien, das belgische Spa, Vichy in Frankreich, Montecatini in Italien, Bath in England, Baden nahe Wien und in Deutschland Bad Ems, Bad Kissingen und Baden-Baden.“

Wie geht die Stadt aus Ihrer Sicht mit diesem wichtigen Thema um? Immerhin verspricht der Titel Weltkulturerbe Weltruhm und finanzielle Mittel, die zusätzlich fließen würden.  

Heinrich Liesen: „Die Stadt hat dieses außerordentlich wichtige Zukunftsprojekt bisher nur halbherzig angepackt. Sie hat die Bürger bis heute nicht wirklich einbezogen, was ein Fehler ist. Obwohl der neue Bürgermeister Alexander Uhlig dem positiv gegenübersteht, hat er bisher wenig bewegen können. Er hat in seiner Heimatstadt Regensburg miterlebt, welche Bedeutung der Titel Weltkulturerbe-Stadt für die Identifikation und den Stolz der Bürger für ihre Stadt hat.“

Wer kümmert sich seitens der Stadt um das Projekt?

Heinrich Liesen: „Es ist dem Engagement von Lisa Poetschki mit der Unterstützung von dem hierin erfahrenen Dr. Andreas Förderer, IHK, zu verdanken, dass Baden-Baden als erster Partner seinen ,transnationalen seriellen Antrag’ fertigstellte. Sie hat die Stabsstellenleitung Welterbebewerbung und Stadtgestaltung bei der Stadt inne und erwirkte, dass die Gesamtanlagenschutzsatzung über das Welterbegebiet beschlossen wurde, die vom Verein Stadtbild seit fast 15 Jahren gefordert wurde.“

Aus welchen Kreisen erfolgt Zuspruch?

Heinrich Liesen: „Frank Marrenbach, Chef des Brenners Park Hotel und CEO der Oetker Collection, sieht in dem Titel auch eine immense Bedeutung als Investition in die Zukunftsfähigkeit der Stadt. Sein Credo: Der Welterbe-Status sei nicht nur für Hotellerie und Tourismus, sondern für den gesamten Handel und Wandel der Stadt wirtschaftlich von großer Bedeutung.“

Holt sich die Stadt den Rat von Experten, die Erfahrung mit dem Weltkulturerbe haben?

Heinrich Liesen: „Jüngst hat Matthias Ripp, Welterbe-Koordinator in Regensburg, dargestellt, welche positive Entwicklung seine Stadt durch diesen Status machen konnte und dass sie für ihre kulturelle Weiterentwicklung jährlich Millionen außerplanmäßig durch Sponsoren dazugewinnt.“

Wo liegen dann noch die Bedenken?

Heinrich Liesen: „In unserer wunderbaren Stadt denkt und plant man nicht ausreichend visionär und zukunftsorientiert. Deshalb finden Bedenkenträger immer wieder neue Nahrung: Das Welterbe bringe etwa mehr Tagestourismus, Verkehr, Events und Umweltverschmutzung. Bedenken lähmen allerdings, es müssen Taten folgen. Doch darauf warte ich oft vergeblich. Herr Bürgermeister Uhlig etwa hatte bei seiner Bewerbung im Gemeinderat versprochen, er werde Baden-Baden in eine autofreie Stadt umwandeln. Nach zwei Jahren im Amt frage ich mich: Wo ist das Konzept? Gut, er hat einen unglaublichen Sanierungsstau und eine marode Infrastruktur übernommen. Das steht an, muss angepackt werden – aber bitte in einem zukunftsorientierten Gesamtkonzept, das sich an die Weiterentwicklung der weltbekannten Kultur- und Bäderstadt mit Welterbe-Status orientiert!“

Was ist Ihr Kritikpunkt an den aktuellen Entscheidern?

Heinrich Liesen: Unsere Oberbürgermeisterin Margret Mergen ist ja nicht einmal bereit, das Welterbe in den strategischen Entwicklungsplan 2030 als Schwerpunkt aufzunehmen. Deshalb besteht die Gefahr, dass aktuelle Planungen meist Stückwerke werden, die nicht zusammenpassen.“

Was meinen Sie damit konkret?

Heinrich Liesen: „Man muss bereits jetzt in Hinblick auf die Bewerbung um den Welterbe-Status handeln, zum Beispiel bei der Frage: Wo und wie sieht das Tor zur Stadt aus? Ich meine damit die Einfahrt nach Baden-Baden im Bereich vor dem Tunnel. Soll unser Entrée wirklich durch moderne und über 20 Meter hohe Türme am Ebertplatz repräsentiert werden? Jeweils eines solcher Monster sind beim Projekt Aumattstraße und fürs Gerstenmaiergelände geplant – ganz im Sinne der Investoren und unterstützt vom Gestaltungsbeirat, der hier ohne Gesamtkonzept im Hinblick auf den Welterbe-Status berät.“

Wie könnte das Tor zur Stadt aussehen?

Heinrich Liesen: „Die Stadt könnte die sehr schöne, sich im Verfall befindliche Villa aus der Jahrhundertwende am Verfassungsplatz erwerben und diese, zusammen mit dem angrenzenden Grundstück, das sich zu einem kleinen Urwald entwickelt, zu einem Schmuckstück im Sinne des Welterbe-Status entwickeln. Ein Nutzungskonzept für Bürger und Gäste und zur Information über das Welterbe dürfte leicht zu entwickeln sein.“

Was wünschen Sie sich von den jetzigen Entscheidern?

Heinrich Liesen: Weitsicht! Das Argument der Oberbürgermeisterin, man müsse erst einmal abwarten, ob man den Status erhalte, ist fahrlässig. Baden-Baden hat diesen Welterbe-Status verdient, das ist unstrittig. Wenn wir ihn nicht erhalten, dann, weil ein Mitbewerber die Bedingungen nicht erfüllt. Die Zukunft Baden-Badens liegt in der Weiterentwicklung der international bedeutenden Kultur- und Bäderstadt, nicht in ihrer Umfunktionierung in eine Gewerbestadt. In diese Richtung muss konzipiert und geplant werden. Und zwar ab jetzt.“

Foto: FBB