Stadtarchiv: Kurswechsel – Neubau!

19August
2022

Es klingt wie eine Posse: Vergangenes Jahr wurde im Gemeinderat beschlossen, dass das altehrwürdige Stadtarchiv – jetzt noch im Baldreit zentral angesiedelt – umziehen sollte. Ausgerechnet in ein, sagen wir mal, Gewerbeviertel, dorthin, wo aktuell sich noch eine Malerfirma befindet, im Westen der Stadt. Doch dazu wird es nicht kommen. Und das freut Wolfgang Niedermeyer.

Viele Feingeister haben sich von Anfang an daran gestört: Warum ein Stadtarchiv in einem unwirtlichen Gewerbeviertel in der Citè? Wie der Name schon sagt, gehört eine solche Institution doch eigentlich mitten hinein ins Zentrum. Andere Städte stellen ihr Stadtarchiv regelrecht aus, richten darin noch ein Café ein und lassen Kulturpädagoginnen die Schulkinder der Stadt weiterbilden. In Stadtarchiven finden sich meist wahre Schätze. Leider ist der Standort Baldreit für das Stadtarchiv mit der Zeit zu klein geworden. Außerdem gibt es dort brandschutztechnische Probleme. Eine neue „Location“ muss also her.

Ein seelenloser Ort als neue Bleibe

„Vor einem Jahr wurde von Ex-OB Margret Mergen alternativlos ein Standort für den Ersatzbau Stadtarchiv durchgedrückt. Alle Fraktionen im Gemeinderat stimmten wohlwollend dafür. Nein, nicht alle, die FBB widersetzte sich diesem Durchmarsch – aber chancenlos. Für mich war das auch eine Generalabrechnung mit der Kulturdezernentin, Wirtschaftsdezernentin und Finanzdezernentin Mergen“, erinnert sich Wolfgang Niedermeyer, FBB.

Ein Stadtarchiv in einem Gewerbe-Wohngebiet?

Er hatte der OB und dem Gemeinderat ins Gewissen geredet, als das Thema vor gut einem Jahr – am 26. Juli 2021 – Tagesordnungspunkt im Gemeinderat war. Schon damals wies er auf die Mängel dieses neuen Standorts hin: „In diesem verschachtelten Altbau mit Gewerbeadresse, versteckt hinter Bäumen in einem Hinterhof gelegen, umständlich erreichbar über eine Anliegerstraße, soll eine wichtige kulturelle Institution entstehen. Fahren Sie nach Rastatt, fahren Sie nach Offenburg, dort ist das Schatzhaus dieser Städte angemessen und zentral im Stadtbild präsent. Wo bleibt hier die Kulturdezernentin? Überhaupt, wo bleiben eigentlich die Bürger“, monierte er.

Ein teures Areal, das nichts taugt

Niedermeyer wies außerdem auf ein pikantes Detail hin: „Es geht wohl um einen Grundstücksdeal. Ein abgeschriebenes Gewerbegebäude samt Grundstück in einem Mischgebiet, Nennwert 220 Euro/m2 nach Bodenrichtwertkarte, kauft die Stadt an. Der Betrieb erwirbt in einem Gewerbegebiet ein Grundstück, Nennwert 100
Euro/m2 nach Bodenrichtwertkarte. Also ein Differenzgeschäft von 324.000 Euro für die Firma. Das nennen wir Wirtschaftsförderung, Frau Oberbürgermeisterin.
Saldiert man alle vorliegenden Zahlen, entsteht bei diesem Deal 750.00 Euro Mehraufwand zum Beschluss von 2018. Wo bleibt da die Finanzdezernentin?“

Die Statik des Gebäudes ist nicht tragbar für ein Stadtmuseum

Wolfgang Niedermeyer und die FBB haben gut daran getan, gegen diese „Lösung“ zu stimmen. Denn nun stellte sich gerade heraus, dass das angeblich so gut geeignete Gewerbegebäude in der Straße „Am Metzenacker“ im Westen der Stadt, übernommen mit einem Grundstücksdeal von einer Malerfirma, gar nicht geeignet ist für ein Stadtmuseum. Denn dort gibt es ein Statik-Problem.

Schwere Akten über Kilometer

Ein Gutachten hat gezeigt, dass das Gebäude gar nicht stabil genug ist, um das schwere Aktenmaterial zu bergen. Das Archiv birgt rund 2,5 Kilometer Akten, dieselbe Menge soll in den kommenden Jahren hinzukommen, da die Fachbereiche der Verwaltung ihre Unterlagen auch im Archiv lagern. Im Stadtarchiv befinden sich Dokumente zur Geschichte Baden-Badens von 1492 an, bis zur Gegenwart. Da kommt einiges zusammen.

Ein Neubau soll her

Ein erstes Gutachten hatte sich noch für die Gewerbefläche ausgesprochen. Doch eine weitere Untersuchung hat berücksichtigt, dass die Unterlagen im Archiv vorwiegend platzsparend in Rollregalen gelagert werden. Und die belasten die Statik, da durch das Hin- und Herrollen der großen Regale wohl völlig andere Lasten entstehen könnten als bei statischen Regalen. Statt das Gewerbegebäude entsprechend zu stabilisieren, denkt die Verwaltung nun doch an einen Neubau. Wo genau, das will Uhlig derzeit aber noch nicht verraten. Es soll sich um Gebiete in der Talachse handeln, die leicht erreichbar sein sollen.

Alles auf neu

„Wir haben den Reset-Knopf gedrückt“, so hat sich Baubürgermeister Alexander Uhlig ausgedrückt. Und es scheint so, als müsse er die Scherben auflesen, die Ex-OB Mergen hinterlassen hat. Für OB Späth wohl auch ein Grund, einzugreifen und den Versuch zu unternehmen, das Projekt vom Kopf wieder auf die Füße zu stellen.

„Plötzlich waren zehn Standortalternativen vorhanden“, erklärt Wolfgang Niedermeyer. „Mit einer Beurteilungsmatrix versehen, den Fraktionen rechtzeitig vorgestellt und freimütig diskutiert; unter Leitung eines OB der aufmerksam zuhörte und sich ein Bild der Lage machte. Wie es weitergeht – wir werden sehen.“
Und er schiebt noch nach: „Ich habe in der Sitzung die Bewertungsreihenfolge der FBB-Fraktion für die Standorte vorgetragen und freue mich natürlich, dass unsere Auswahl für die folgende engere Untersuchung zu Protokoll genommen wurde.“

Im Herbst soll entschieden werden

Der FBB-Stadtrat ist vorsichtig optimistisch: „Es ist wohl zu früh, um von einer Zeitenwende zu reden. Aber das alternativlose Regime Mergen wird hoffentlich Geschichte sein.“

Direkt nach der Sommerpause soll sich der Gemeinderat mit dem Thema beschäftigen und über einen Standort entscheiden. Es bleibt spannend.