Radrennen auf stillen Pfaden – muss das sein?

24Mai
2022

Auch im Wald sollten Verkehrsteilnehmer Rücksicht aufeinander nehmen. Daran halten sich leider nicht alle, sehr zum Leidwesen von Ruhesuchenden. Ein Kommentar von Cornelia Mangelsdorf.

Vergangene Woche abends im Wald: Spaziergänger waren gegen 18 Uhr kaum mehr unterwegs, aber ich mit einer Freundin und meinem Hund. Es war ein heißer Tag, die Kühle des Waldes tat gut. „Schau mal, da liegt eine tote Blindschleiche“, sagte meine Freundin und räumte das Tier traurig mit einem Stöckchen zur Seite. Die Woche zuvor hatten wir auch Blindschleichen gesehen, gleich zwei und beide quietschfidel. Meine Freundin und ich helfen Blindschleichen und Feuersalamandern gern mal „über die Straße“. Warum? Damit sie nicht totgefahren werden. Denn: Es sind immer mehr Mountainbiker im Wald unterwegs. Dass diese nicht sehen, was auf dem Boden alles krabbelt und kriecht, liegt vielleicht daran, dass viele einfach zu schnell fahren. Aber es scheint die meisten auch gar nicht zu interessieren. Leider.

Erste Begegnung: höflich und rücksichtsvoll

Und da kam auch schon der erste Radfahrer auf uns zu. Wir grüßten uns freundlich, der Mountainbiker bremste höflich ab, ich nahm meinen Hund kurz – alles ist gut gegangen. Doch ein paar Kilometer weiter blieb meine Freundin wie angewurzelt stehen: schon wieder ein totes Tier! Dieses Mal hatte es einen Feuersalamander erwischt! Man sah noch den dicken Fahrradreifen-Abdruck auf seinem leblosen Körper, der jetzt ein trauriges Halbrund bildete. „Eigentlich ein Unding, dass die Tiere so wenig Schutz erfahren – jetzt, wo Mountainbiken im Wald immer mehr zunimmt“, sagten wir fast gleichzeitig. Feuersalamander sind geschützte Tiere, zumindest auf dem Papier. Sie können sehr alt werden: in freier Natur bis zu 15 Jahre. Schade also, wenn ein dicker Reifen solch einem Tierleben ein jähes Ende setzt.

Zweite Begegnung: ignorant und rücksichtslos

Mein Bedarf an Mountainbikern war endgültig gedeckt, als wir, fünf Minuten später, etwas Orangefarbenes auf uns zurasen sahen. Es war wieder ein Mountainbiker, der an diesem lauen Abend wohl seinen persönlichen Geschwindigkeitsrekord aufstellen wollte. Dieses Tempo passte so gar nicht in diese friedliche Abendstimmen. Der Raser schaute recht grimmig. Ob er wirklich Spaß an seiner Fahrt hatte? Uns hat er jedenfalls diesen schönen Moment der Ruhe verdorben. Um ehrlich zu sein, haben wir es ihm ein bisschen schwer gemacht, mit seiner Raserei an uns vorbeizukommen – einfach, damit er erkennt, dass er nicht allein ist und uns wahrnimmt: Meine Freundin, der Hund und ich blieben einfach auf dem schmalen Weg stehen und schauten ihm entgegen. Er musste also deutlich abbremsen, um durch unsere Mitte zu fahren. Nein, gegrüßt hat er natürlich nicht. Es war ihm wahrscheinlich auch vollkommen egal, mit welchem Affenzahn er durch den stillen Wald bretterte. Klar auch, dass man dann Tiere wie Feuersalamander auf dem Weg nicht erkennt.

Im Wald sollte es beschaulich zugehen

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich habe nichts gegen Mountainbiker. Doch wenn sie den Wald zu ihrer persönlichen Rennstrecke machen und keine Rücksicht mehr auf Fußgänger noch Tiere nehmen, dann bin ich mit meiner Toleranz schnell am Ende. Es wäre doch schön, wenn im Wald weiterhin Ruhe herrschen könnte. Und wir weiterhin seltene geschützte Tiere beobachten könnten. Denn das ist doch genau das, was die meisten von uns im Schutz der Bäume suchen: Ruhe, Entschleunigung, Frieden.

Foto: pixabay.com