„Eine Preis-Übertreibung des Marktes“

02November
2021

Das Thema Energiepreise und -verknappung treibt derzeit die Menschen um. Und was wäre, wenn ein großer Stromausfall passieren würde, so wie in dem Buch „Blackout“ beschrieben? Wir sprachen mit Helmut Oehler, Geschäftsführer der Stadtwerke Baden-Baden: über Strompreise, Blackouts und erneuerbare Energien.

Herr Oehler, haben Sie das Buch „Blackout“ gelesen? Es ist sogar verfilmt worden.

Helmut Oehler: „Ja, ich habe das Buch gelesen. Es beschreibt sehr gut, was passieren würde, wenn der Strom über längere Zeit ausfallen würde. Dann wären Dinge, die zu unserer Infrastruktur gehören, auf einmal nicht mehr verfügbar: Lebensmittelläden hätten ein Problem, weil nichts mehr gekühlt werden kann, die Zapfsäulen an Tankstellen würden nicht mehr funktionieren, auch die Bankautomaten nicht und so weiter. Ich kann nur empfehlen, das Buch zu lesen. Denn es zeigt auf, wie wichtig eine zuverlässige Energieversorgung ist – und der bewusste Umgang mit unseren Ressourcen.“

Die Strom- und Energiepreise steigen aktuell in schwindelerregende Höhen. Was gab es für eine Preissteigerung beim Strom von 2019 auf 2020 beziehungsweise 2021? Was erwartet uns?

Helmut Oehler: „Zunächst einmal die gute Nachricht: Wir sind mit unseren Preisen mehr als konkurrenzfähig bei Strom und Gas, denn wir kaufen unseren Bedarf sehr konservativ ein: in der Regel zwei Jahre im voraus. Im Moment haben wir eine Übertreibung des Marktes, wir gehen davon aus, dass wir diesen Preisausschlag nach oben nicht auf Dauer sehen werden. Die Preisentwicklung beim Strom sah folgendermaßen aus: 2019 kostete eine Kilowattstunde bei uns 27,93 Cent. 2020 wurde sie um 1,9 Cent teurer: 29,83 Cent. Den Preis hielten wir 2021 stabil. Unser Strom ist günstiger als der bundesdeutsche Schnitt. Aber dennoch werden wir 2022 unsere Strompreise anpassen müssen.“

Was sind die Ursachen für die Preiserhöhung?

Helmut Oehler: „Im Gasbereich ist es der Weltmarkt. Es gibt eine sehr hohe Nachfrage aus Asien, auch nach Steinkohle. Gleichzeitig gibt es technische Probleme in der Gasproduktion, etwa bei Flüssiggas aus den USA: Dort hat man zu wenig Verflüssigungsanlagen für das Erdgas, um es über die Weltmeere zu verschiffen. Man muss wissen: Strom wird zum Teil aus Gas erzeugt, aber auch aus Kohle.“

Einige Bürger unserer Stadt befürchten, uns könnte im Winter der Strom ausgehen. Ist diese Angst begründet?

Helmut Oehler: „Die Kunden in Baden-Baden müssen sich keine Sorgen machen: Die Wahrscheinlichkeit für einen großen Stromausfall ist nicht höher als sonst auch. Die Gefahr, dass 2021 der Strom ausgeht, ist nicht größer als in den Jahren zuvor. Was wir aber sehen, ist eine Preis-Übertreibung des Marktes. Diese steigert aber nicht das Risiko, dass der Strom länger ausfällt. Zu einem kurzzeitigen Stromausfall kann es immer mal kommen, wenn wir einen Defekt im Netz haben. Doch dies geschieht in Deutschland sehr viel seltener als in anderen Ländern.“

Und wenn wir einen strengen Winter mit minus 25 Grad über zwei Monate hätten?

Helmut Oehler: „Wenn wir so lange solche Temperaturen hätten, dann hätten wir ein Problem. Dafür sind unsere Speichermöglichkeiten auch gar nicht ausgelegt. Wir haben zwar große Speicher, aber das würde dann nicht reichen. Es ist aber sehr unwahrscheinlich, dass wir in unseren Breitengraden einen solchen Winter erleben.“

Glauben Sie, dass wir eines Tages in den Privathaushalten Beschränkungen bekommen, was unseren Stromverbrauch angeht? Wird es Kontingente geben?

Helmut Oehler: „Ich glaube es nicht. Da deutet sich nichts an. Und selbst wenn es ein Versorgungsproblem gäbe, würde man sich an Abschaltplänen orientieren. Doch Privathaushalte werden immer zuletzt vom Netz genommen.“

Was würde eigentlich passieren, wenn es in Deutschland doch einmal zu einem Blackout kommen würde?

Helmut Oehler: „Es gibt sehr viele Einsatzpläne, die darauf abzielen, Blackouts abzuwenden, etwa mit schwarzstartfähigen Kraftwerken. Als Schwarzstart wird das Anfahren eines Kraftwerks bezeichnet, wenn dies unabhängig vom Stromnetz geschieht. Mit solchen kann man Strom-Inseln aufbauen.“

Könnte unsere Stromversorgung „gehackt“ werden?

Helmut Oehler: „Die Stadtwerke Baden-Baden waren die ersten in Baden-Württemberg, die zertifiziert wurden: Unsere IT-Systeme sind sicher. Diese haben wir physisch vom sonstigen Netz getrennt. Da kann sich niemand reinhacken. Wir betreiben hier einen sehr hohen Sicherheitsaufwand, was wir auch müssen. Denn wir gehören zur kritischen Infrastruktur.“

Wird der Strom, der bei uns erzeugt wird, eigentlich auch ins Ausland geliefert?

Helmut Oehler: „Es gibt bereits seit Ende des Zweiten Weltkriegs ein westeuropäisches Verbundnetz, das von Portugal bis nach Norwegen reicht. Die Hochspannungsnetze sind europaweit verbunden, alle Generatoren drehen sich exakt gleich schnell. Es ist also ein synchrones Netz, das mit den berühmten 50 Hertz läuft. Stromaustausch unter den Ländern gibt es also schon sehr lang. Nachts, wenn wir ein Überangebot haben, pumpen wir den Strom etwa in die Schweiz. Und tagsüber, wenn wir einen hohen Strombedarf haben, wird der Strom wieder an uns geliefert. Solche volkswirtschaftlichen Optimierungsgeschäfte gibt es ständig.“

Wo kaufen wir unseren Strom ein?

Helmut Oehler: „Deutschland kauft einiges zu aus Frankreich. Und wir in Baden-Baden kaufen unseren Wasserkraftstrom für die Ladesäulen etwa in Norwegen.“

Gibt es bei den Stromerzeugern denn auch so etwas wie Solidarverträge, die die Versorgung jedes Landes, das Vertragspartner ist, gewährleisten? 

Helmut Oehler: „Es gibt Solidarmechanismen, bei Strom und Gas. Diese Solidarität geht aber nur so weit, wie die eigene Versorgung nicht gefährdet wird. Bevor Deutschland der Strom ausgeht, trennt sich unser Land vom Verbundnetz ab. Im Katastrophenmodus würde man in den sogenannten Inselmodus übergehen, wie eben schon beschrieben. Das ist aber zum Glück noch nie passiert.“

Aus welchen Energien bedienen sich die Stadtwerke Baden-Baden?

Helmut Oehler: „Fast 65 Prozent unserer Versorgung stammt aus erneuerbaren Energiequellen: etwa Solar-, Wind- und Wasserkraft. Hier schneiden wir besser ab als der Deutschland-Durchschnitt mit knapp 45 Prozent erneuerbarer Energie. Knapp 19 Prozent der Energie beziehen wir aus Kohle. Der Deutschland-Durchschnitt liegt hier bei 29 Prozent. Kernenergie stellt knapp 9 Prozent unserer Energie in Baden – im Bundesdurchschnitt sind es 13,5 Prozent. Und knapp 7 Prozent der Energie kommt von Erdgas – im Deutschland-Durchschnitt sind das knapp 12 Prozent.“

Stichwort Nachhaltigkeit: Was haben sich die Stadtwerke hier auf die Fahnen geschrieben? 

Helmut Oehler: „Wir bauen immer mehr Photovoltaik-Anlagen und verfolgen hier drei Ziele. Erstens bauen wir auf alle kommunale Gebäude ebensolche Anlagen. Das ist etwa bei der EurAka erfolgt, bei der Grundschule Steinbach, demnächst kommt eine auf das Schulzentrum West und so weiter. Die zweite Stoßrichtung: Wir bieten seit zwei Jahren „Photovoltaik Plus“ an und werden aktuell geradezu überrannt. Wir sorgen für die Realisierung einer Photovoltaik-Anlage auf Ihrem Dach. Sie können bei uns exklusive Photovoltaikpakete kaufen oder wir verpachten Ihnen die Anlage. Auf unserer Webseite haben wir einen Rechner, dort kann man seine Dachfläche angeben und kriegt schon mal ein Gefühl dafür, was sie ungefähr kostet. Das Ziel, das wir dabei verfolgen: dass die Nutzer möglichst viel ihres Strombedarfs selbst erzeugen und nutzen. Die dritte Stoßrichtung: Wir suchen große Flächen, um weitere Photovoltaik-Anlagen zu bauen.

Natürlich beraten wir auch unsere Kunden, wo sie Energie einsparen können. Dann machen wir viel in Sachen elektrische Lade-Infrastruktur. Wir haben in Baden-Baden 40 Ladepunkte für E-Autos. Das ist gerade für eine Stadt wie Baden-Baden, die viele Touristen anzieht, ein wichtiger Faktor. Und natürlich beeinflusst E-Mobilität unser Stadtklima positiv.“

Foto: Helmut Oehler