Schuld an der PFC-Verseuchung

27Oktober
2017

Und wieder hat die Justiz entschieden:

das Umweltunternehmen Vogel ist verantwortlich für den Schaden. Nämlich dafür, dass fast eine halbe Million Quadratmeter Ackerboden mit PFC verseucht sind und das Grundwasser gleich mit.

Aber Justiz ist nicht die Lösung. Das Problem hat viele Ursachen, die man auch durchaus benennen kann.

  1. Niemand weiß genau Bescheid über „PFC“ – die Sammelabkürzung steht für fast 1000 unterschiedliche Substanzen, die in der Masse noch total unerforscht sind. Sind sie gefährlich für den Menschen? Man weiß es nicht wirklich. Aber man vermutet es, Tierversuche lassen Böses ahnen. Wo aber liegen die Grenzwerte? (Das heißt: in welcher Konzentration ist denn das Gemisch der vielen unterschiedlichen Substanzen überhaupt gefährlich?) Unbekannt. Und dennoch wird der Dreck nach wie vor in der Industrie und sogar in der Kosmetik eingesetzt.
  2. Soweit bekannt, hat das Unternehmen Umweltpartner Vogel AG den Klärschlamm von der Papierindustrie bezogen, da war PFC drin, in wunderlichen Konzentrationen. Das wird zwar von allen Beteiligten bestritten, dürfte aber die wahrscheinlichste Spur des Drecks sein, der durch den Kleinunternehmer Vogel auf die Felder aufgebracht wurde (als Dünger!!). Die Industrie wird schon gewusst haben, was sie dem Kleinunternehmer untergejubelt hat.
  3. Das Unternehmen Vogel hat vermutlich diesen „Klärschlamm“ aus der Papierherstellung mit sonstigen Gartenabfällen und Kompostsubstanzen vermischt. Und hat danach dieses Zeug auf die Felder aufgebracht – als Düngemittel. Das geschah vor vielen Jahren und lässt sich heute nur noch als vage Vermutung rekonstruieren, stimmt aber, wie das Verwaltungsgericht jetzt in seinem Urteil feststellte (noch nicht rechtskräftig!).
  4. Wenn die Justiz irgendwann mal fertig ist (das heißt: wenn das Urteil gegen Vogel einmal rechtskräftig feststehen sollte), dann wird die Stadtverwaltung, die diesen Prozess führte, den Schaden und die Prozesskosten bei Vogel kassieren wollen. Dann dürfte wohl flugs Schluss mit Kassieren sein, denn vermutlich ist der Kleinunternehmer Vogel mit seiner AG dann insolvent.
  5. Dann steht fest: wir haben juristisch einen Schuldigen (der aber nur den Deppen für die wirklich Schuldigen in der Industrie spielen musste), der aber nicht mehr zur Verantwortung gezogen kann. Was sogar einigermaßen gerecht ist, denn in den Augen der Umweltschützer ist Vogel eigentlich mehr ein Opfer als ein Täter. Schuld ist die Industrie (die nach wie vor PFC einsetzt!) und noch schuldiger ist die in Verdacht stehende Papierindustrie, die vermutlich genau wusste, was sie dem Kleinunternehmer aus Baden-Baden andrehte.

Und was folgt daraus: Das Problem mit dem PFC muss grundsätzlich gelöst werden. Verantwortlich ist der Staat (vielleicht auch die Europäische Union), der diese Substanzen im Wirtschaftskreislauf  zulässt. Verantwortlich auch die Kette der Produzenten (doch wer sind sie genau? Niemand weiß es präzise!). Das heißt: der Staat darf keine Produktionssubstanzen zulassen, die nicht sicher entsorgt werden können. Und wenn was schief geht, dann können sich die staatlichen Instanzen nicht einfach aus der ganzen Angelegenheit zurück ziehen, da muss der Staat eintreten. Eines ist jedoch finanziell und sachlich Quatsch, nämlich sich an den Schwächsten bei einem so großen Schaden (Schadenssumme sicherlich Hunderte von Millionen Euros) zu wenden – hier helfen nur Land, Bund und Europäische Union, weil sie diesen Schaden durch Lässigkeiten verschuldeten.

So wäre es richtig. Aber nein, da gibt es doch den Kleinunternehmer Vogel, der vermutlich nicht aufpasste, den schlachten wir jetzt.

Foto: Ben Becher