Fußverkehrs-Check in Baden-Baden

20Oktober
2020

Als eine von zehn Kommunen beteiligt sich die Kurstadt am sogenannten Fußverkehrs-Check in Baden-Württemberg. Dabei bewerten Bürger, Politik und Verwaltung gemeinsam die Situation vor Ort. Die FBB hat sich bereits vor Monaten für ein „Flanierkonzept“ eingesetzt.

Besonders die Hauptachse Lange Straße vom Bernhardusplatz in der Weststadt über Ebert- und Verfassungsplatz bis hin zum Hindenburgplatz in der Innenstadt sollen beim vom Land finanzierten Check begutachtet werden. Start soll noch vor Weihnachten sein.

Schwachstellen ausfindig machen
Dabei sollen bei einem Fußmarsch die Schwachstellen ermittelt und mögliche Lösungsansätze diskutiert werden. Im Anschluss daran werden auf dieser Basis Maßnahmenvorschläge zur Fußverkehrsförderung entwickelt.

Das Flanieren wieder ins Bewusstsein rücken

Die Fußverkehrs-Checks werden vom Land Baden-Württemberg seit 2015 durchgeführt. Ziel ist es, den Fußverkehr in Politik und Verwaltung wieder als eigenständige und wichtige Mobilitätsform ins Bewusstsein zu rücken.

Mehr Platz für Fußgänger

Wichtig dafür: ausreichend große Fußverkehrsflächen. Denn dies motiviere die Menschen dazu, gerne und häufig zu Fuß zu gehen, heißt es von den Verantwortlichen. Mehr Platz für Fußgängerinnen und Fußgänger verwandele Straßenräume in Lebensräume und lade so zum Austausch ein, zum Verweilen, Flanieren und Spielen.

Visionäre Idee der FBB

Genau diesen Gedanken hat die FBB bereits ins Spiel gebracht: Sie hat der Stadtverwaltung schon vor Monaten ein „Shared-Space“-Konzept vorgeschlagen. Dies meint, dass die Verkehrsteilnehmer sich den Raum der Innenstadt in Sachen Verkehr rücksichtsvoll teilen: So wird die Innenstadt zum Begegnungsraum und fördert das Flanieren und Verweilen. Geistiger Vater der Idee des verkehrsberuhigten, gemeinsamen Verkehrsraums ist Diplom-Ingenieur Mathias Welle, FBB. Er hat als Stadtbaumeister und Amtsleiter Schwetzingens Auszeichnungen für die Neugestaltung des Schlossplatzes nach dem Shared-Space“-Konzept zu verantworten – wir berichteten.

Der Mensch ist das Maß aller Dinge

„Es geht darum, einen Wohlfühlort für alle Menschen zu erschaffen, einen Ort, wo sie ohne jegliche Angst im öffentlichen Raum zuhause sein können, flanieren, verweilen, anderen Menschen begegnen, einfach leben können und wo die motorisierten Verkehre nur ,Gäste’ sind. Dominieren sollte der Mensch, denn der Mensch ist das Maß aller Dinge, nicht der Verkehr: Das muss der wichtigste Punkt in der Entwicklung sein“, erklärt der Wahl-Baden-Badener. Und ergänzt: „Bereits Paragraph 1 der Straßenverkehrsordnung basiert auf gegenseitiger Rücksichtnahme als oberstem Gebot. Fußgänger sind die schwächsten Verkehrsteilnehmer im Verkehr, aber das Gehen ist die wichtigste Mobilitätsform, gerade im Kern von Klein- und Mittelstädten.“

Keine Bürgersteige, keine Hindernisse

Und er betont: „Shared space-Flächen tragen der Inklusion Rechnung: Sie haben keine Bürgersteige, keine Kanten, keine Erhöhungen, keine Zebrastreifen oder Ampeln, sie sind für alle ohne Hindernisse. Das ist natürlich auch für Menschen mit Behinderungen, Blinde oder Senioren ein sehr großer Pluspunkt. Wir haben eine fantastische Stadt, die man aber stadtentwicklungs- und mobilitätstechnisch in eine moderne Zukunft führen muss. Doch die öffentlichen Räume werden teilweise sträflich vernachlässigt.“

Auf die Anpassungsfähigkeit des Menschen setzen

Mathias Welle setzt klar auf die Klugheit der Bürger und Besucher unserer Stadt: „Intuitive Stadt- und Verkehrsentwicklung baut nicht auf den Schilderwald, sondern vielmehr auf die Intelligenz des Menschen. Sie bezieht diesen Menschen mit seiner Intelligenz und Anpassungsfähigkeit mit ein. Stadtentwicklung mit Schildern und Vorschriften ist einfach nicht mehr zeitgemäß.“

Es bleibt zu hoffen, dass sich die Stadtverwaltung nicht nur dem Fußgänger-Check stellt, sondern die Idee vom Begegnungsraum nochmal unter die Lupe nimmt. Das Konzept dafür wurde von FBB-Mann Welle, gefragter Redner zu diesem Thema, gegen anfängliche Widerstände in Schwetzingen umgesetzt – und mit Preisen ausgezeichnet.

Fotos: Ben Becher