„Den Stolperstein eines Kindes setze ich immer zwischen die Eltern“

06März
2020

Am vergangenen Mittwoch, 4. März, wurden in Baden-Baden neue Stolpersteine verlegt. Der Künstler Gunter Demnig, der dieses europäische Kunstprojekt seit den 1990-er Jahren umsetzt, war zum zehnten Mal für die Verlegung dieser denkwürdigen Steine in der Stadt.

Man findet sie in zahlreichen Städten Deutschland und Europas: Die quadratischen Steine mit der Messingoberfläche erinnern vor Hauseingängen auf Gehsteigen an die Opfer des Nationalsozialismus, die aus ihrem Zuhause gezerrt, gedemütigt, deportiert wurden. 75.000 dieser Erinnerungssteine hat der Künstler Gunter Demnig inzwischen verlegt. Auf den Steinen vermerkt ist der Name und das Geburtsjahr, weiterhin das Schicksal und oft auch das Todesjahr der betreffenden Person. Eugenie Weil, die am Sonnenplatz 1 lebte, wurde 1940 deportiert. Ihr gelang 1942 die Flucht in die USA.  

Ein Bildhauer, unterwegs in einer besonderen Mission

Gunter Demnig hatte die Idee für die Stolpersteine bereits 1992. „Die ersten habe ich illegal verlegt, in Berlin“, erzählte uns der Bildhauer am Sonnenplatz. Nun hat er 16 weitere Steine im Baden-Badener Stadtgebiet eingearbeitet, unterstützt von zwei Helfern der Stadt: Auch in der Bernhardstraße 32, Vincentistraße 30, der Weinbergstraße 19, Quettigstraße 10 und der Ludwig-Wilhelm-Straße 20 finden sich nun welche.

Berufen zu erinnern

Hinter der Handwerkermontur mit Hut und Arbeitskleidung verbirgt sich ein feinsinniger Mensch mit einem großen Herz. Gunter Demnig darüber, wie er die Stolpersteine platziert: „Wenn Kinder dabei sind, dann kommt der Stein in die Mitte, zwischen Mutter und Vater. Und wenn eine Großmutter dabei ist, dann setze ich den Stein über die Familie, weil sie ja eine Generation älter ist.“

Orte markieren, an denen Verbrechen begannen

Wie kam er auf die Idee mit den Stolpersteinen? Gunter Demnig legte bereits 1991 eine Farbspur in Köln, um an die Deportationswege der Sinti und Roma zu erinnern. Als er wenige Jahre später die Spur durch Messingschriftzüge ersetzte, sprach eine ältere Frau ihn an, würdigte sein Projekt zwar, bezweifelte jedoch, dass „Zigeuner“ in ihrer Nachbarschaft gelebt hätten. Da wurde Gunter Demnig bewusst, dass viele Geschichten gar nicht mehr im Bewusstsein der heutigen Bevölkerung vorhanden sind. Und wusste, dass er ein Projekt beginnen wollte, dass zum einen das Gedenken in die Städte und Straßen holt und zum anderen die Orte markiert, an denen die Opfer lebten und die Verbrechen einst begannen.

Rund 180 Stolpersteine in der Kurstadt

Sie erzählen von den tragischen Schicksalen von Bürgern unserer Stadt, die wegen ihres Glaubens, ihrer politischen Meinung, wegen Krankheit oder Behinderung verfolgt, zur Auswanderung gezwungen, in den Tod getrieben oder ermordet wurden. Die Stolpersteine werden durch Spenden finanziert. Wer sich für die Arbeit des Künstlers und das Thema Stolpersteine interessiert, kann hier mehr darüber erfahren: stolpersteine.eu oder stolpersteine-baden-baden.de

Foto: FBB-Archiv