DAS LANGE STERBEN DES EINZELHANDELS

05Juni
2018

Die Innenstadt stirbt vor sich hin. Warum es anderswo brummt und bei uns auch brummen könnte. Wie viele Geschäfte vor dem Aus?
125.000 Euro will Baden-Baden in das Wohlergehen seines Einzelhandels investieren. Wenig Geld gegen viel Verzagtheit. Anderswo investiert man in Ideen und belebt so seine Innenstadt. Baden-Baden braucht Ideen für seine Einkaufsmeile.Es ist bekannt und vielfach diskutiert, dass es dem Einzelhandel der Innenstadt schlecht geht. Gerüchten zu Folge soll jetzt wieder ein Geschäft für Hunde und andere Tiere am Leo dichtmachen. Der Umbau des Leo hätte den Standort kaputt gemacht. Die sonstigen Gründe für die Misere des Einzelhandels sind leicht zu benennen, denn sie sind Dauerprobleme: neben der stupenden Ideenlosigkeit der Geschäftsleute sind es die extrem hohen Geschäftsmieten und die Abwanderung der Kunden ins Internet. Und weil der Rest überteuert scheint, gehen auch die Baden-Badener Einwohner wenn möglich woanders shoppen, dorthin, wo es in der Umgebung billiger ist oder erfreulicher und wo was los ist. Oder anders herum formuliert: es gibt für die Kunden schlicht zu wenig Anreiz, in der Baden-Badener Innenstadt einzukaufen. In Roppenheim ist mehr los und das Angebot billiger und vielfältiger. Die Zufahrt in die Innenstadt ist selbst für Baden-Badener kompliziert und die Parkhäuser sind viel zu teuer. In Roppenheim parkt man umsonst; in Nachbarstädten kostet das Parken die Hälfte dessen, was man bei uns bezahlen muss. Und viele Baden-Badener Bürger schauen neidvoll auf das Fest der Straßentheater in Rastatt, das zigtausende von Besuchern in die Stadt schaufelte und die Rastatter Innenstadt phantasievoll belebte.
Die BKV will die Kolonaden neu beleben. Die waren tatsächlich mal einen Bummel wert – vor 100 Jahren! Heute werden sie gelegentlich mal noch von einzelnen Touristen besucht – für einen Einheimischen sind sie uninteressant geworden. Das will Stephan Ratzel, Chef der BKV ändern. Er möchte die Kolonaden pünktlich zu ihrem 150. Geburtstag auch wieder für die Einheimischen sichtbar und interessant machen. Gut so. Denn das könnte eines von vielen Steinchen werden, um die Innenstadt wieder interessant zu machen. Eine Einkaufsmeile, die kein Einkaufsfest ist oder sein will, wird zum Grab ihrer Händler. Teilweise haben wir sicher die falschen Geschäfte (wo bleibt der tägliche Bedarf?), teilweise fehlt schlicht das Fest (so wie in Rastatt das Straßentheaterfest oder das Winzerfest im Rebland). Teilweise werden Gäste in die Stadt gelockt, die hier nicht einkaufen wollen oder können und hier eine Partymeile vergeblich suchen und nicht finden (good-good life). Also müssen, wie an vielen Ecken und Enden der Stadt Ideen her, um sie zu beleben. Die Kolonaden wieder für Einheimische interessant zu machen ist eine kleine, aber richtige Idee. Die anderen, vielen weitere fehlen noch.
Die Stadtverwaltung hat keine Idee (und es ist vielleicht auch eine Überforderung, von einer Verwaltung Ideen für einen prosperierenden Einzelhandel zu fordern). Nur: schlicht Geld über der Innenstadt zu verstreuen heißt: die Kohle in die Pfützen werfen. Erst wenn man weiß, was man fördern will, kann man Geld aussetzen. Die Stadt hat ohne Rücksicht auf Verluste den völlig misslungenen Leoumbau verwirklicht. Mit einem Zeitplan, den die Innenstadt nicht ausgehalten hat. Hinterher, als das Kind in den Brunnen gefallen ist, hat man Einkaufstüten mit Bilderchen bedruckt – heraus geschmissenes Geld. So dürfte es mit der Pauschalförderung ebenfalls ergehen, sofern man keine zündende Idee hat, die man finanziert. So ist es nur eine klitze-kleine Gießkanne, die bald leer sein dürfte. Die Freien Bürger für Baden-Baden fordern, dass die Stadt einen Ideenwettbewerb startet, damit wir wissen, was gefördert wird. Und wenn ein Wettbewerb nichts nutzt, dann brauchen wir einen zweiten. So lange, bis unsere Stadt wieder attraktiv als Einkaufsstadt geworden ist.

Foto: Ben Becher