Alles gut-gut in Baden-Baden?

13November
2018

Neue bunte Collagenbilder zeigen hippe junge Menschen beim Einkaufen: Unsere Kurstadt hat seit Anfang des Jahres einen neuen Werbeslogan: „Baden-Baden – the good-good life“. Sogar Straßenschilder weisen darauf hin. Doch ist das Gute-Laune-Leben schon angekommen? Nicht beim Einzelhandel. Der kämpft mit handfesten Problemen.

Marktplatz, Kirche, Rathaus – und drum herum viele kleine Geschäfte und Cafés: Dieses europäische Stadtbild lieben nicht nur wir, sondern auch unsere Gäste. Hier ein Schwätzchen mit dem Kellner, dort über ein Kochrezept beim Metzger plauschen: Orte, an denen wir Geschichten erzählen, erfahren oder erleben, ziehen uns Menschen an. Um diese Idylle zu finden, fahren Baden-Badener auch gern mal am Wochenende nach Straßburg oder machen Ferien in Italien. Dabei hat auch Baden-Baden Potenzial. Zumindest in der Theorie.

Immer mehr Filialen statt Einzelhändler

„Das Individuelle stirbt weg“, so drastisch drückt es Matthias Vickermann, Vorsitzender der Baden-Baden Innenstadt e. V. (BBI), aus. „Die Situation bezüglich der Leerstände hat sich schon deutlich verbessert, jedoch weniger durch Neueröffnungen von Einzelhändlern als durch Filialisten. Daher ähnelt die Lange Straße immer mehr vergleichbaren Fußgängerzonen in anderen Städten.“ 

Ständig steigende Mieten

Filialisten kommen auch, weil sie die hohen Mieten zahlen können, Einzelhändler mit permanent steigenden Kosten aber um ihre Existenz kämpfen. Mitunter müssen Einzelhändler jährlich Mietsteigerungen von zehn Prozent berappen. Das schöne Geschäft für Sportbekleidung in der Gernsbacher Straße – das gibt es nicht mehr, genauso wenig wie den Metzger vis-à-vis. Aus der Plausch.

Die Mietniveaus früherer Jahre seien vielfach nicht mehr mit den gegenwärtigen Rahmenbedingungen von hohem Wettbewerb und anteilig geringeren Umsätzen vereinbar, hat der IHK-Vizepräsident und Vorsitzender des Einzelhandels-Ausschusses der IHK Karlsruhe, Roland Fitterer, bei einer Sitzung in Baden-Baden betont.

Sorgen um die Innenstädte

Dazu kommt: Dauerbaustellen wie die am Leo bringen die Bürger nicht gerade in Flanierlaune. Der Handelsverband Südbaden und IHK Karlsruhe sorgen sich um die Innenstädte. Die geplante Erweiterung des Factory Outlet Centers im elsässischen Roppenheim wird für eine weitere Verschärfung der Konkurrenz im Einzelhandel in der Region sorgen. Der Plan sieht eine Verdopplung der Verkaufsfläche vor – was Baden-Baden gewiss zu spüren bekommen wird.

Können wir Lebenskulturhauptstadt?

Dabei sind die Ziele, die man sich in der Stadt steckt, hoch: Baden-Baden soll europäische Lebenskulturhauptstadt sein – schöner Begriff der Werbefachleute. Den es gilt, mit Leben zu füllen. Auch Nora Waggershauser, Geschäftsführerin der Baden-Baden Kur & Tourismus GmbH, hat viel vor: „Wir wollen uns explizit um Gäste von morgen kümmern, sie ansprechen“, sagte sie in einem SWR-Interview.

Einzelhandel sichert die Volkswirtschaft

Geschäfte sind Begegnungsstätten, sie sichern unsere Versorgung – und: Sie schaffen Arbeitsplätze. Der volkswirtschaftliche Stellenwert des Einzelhandels wird häufig unterschätzt: Mit rund 483 Milliarden Euro Jahresumsatz im Jahr 2016 ist er in Deutschland drittstärkste Wirtschaftsgruppe. In der Region am Oberrhein stellt der Einzelhandel mit neun Prozent der Beschäftigten nach dem Verarbeitenden Gewerbe den stärksten Wirtschaftszweig im regionalen Arbeitsmarkt dar. Dies geht aus einer Studie der IHK Karlsruhe hervor.

Mehr überregionale Werbung für die Stadt

Doch es tut sich auch was. Matthias Vickermann: „2019 werden wieder drei verkaufsoffene Sonntage eingeplant und wir können, gerade wegen des erhöhten zusätzlichen Budgets, mehr in die Offensive gehen und mehr durch Print, City Light Poster und erst recht durch Radio-Spots in der Region und darüber hinaus auf die Shoppingstadt Baden-Baden hinweisen. Besonders die Schweiz und der Frankfurter Raum stehen da für uns im Fokus.“ Bereits für dieses Jahr wurde das Werbe-Budget für den Einzelhandel von 100.000 auf 150.000 Euro aufgestockt, 2019 werden es 175.000 Euro sein. Die Mittel kommen von den Mitgliedsbeiträgen der BBI sowie von der Stadt.

Junge Konzepte müssen her

Gefragt nach seiner Vision, antwortet Vickermann: „Mich würde es freuen, wenn es auch für jüngere Menschen mehr von Interesse wird, sich im Einzelhandel selbständig zu machen. Gerade frische Konzepte wie Pop-up-stores, Concept Stores, auch mit integrierter Gastronomie oder Café, würden das Shoppingbild der Stadt aufpeppen und sich sehr gut in das neue Markenbild der Stadt eingliedern. Ich glaube fest an den Standort Baden-Baden und ich sehe auch optimistisch in die Zukunft, aber es bedarf auch einer Neuausrichtung mancher Händler und mehr Bewusstsein bei den Konsumenten.“

Foto: FBB