Festspielhaus in der Krise: Hoffen auf Stuttgart

30Juni
2020

Der Zeitpunkt der Übernahme des Festspielhaus-Gebäudes durch die Stadt Baden-Baden stand lange im voraus fest – und kommt nun denkbar ungünstig. Denn das international renommierte Haus ist seit Corona in der Krise. Und die Stadt kämpft mit einen Schuldenberg.

Am 1. Juli 2020 geht das Festspielhaus in den Besitz der Kurstadt über: Über 18 Millionen Euro hat die Immobilie die Steuerzahler gekostet – doch dabei wird es nicht bleiben: Das Festspielhaus muss von Grund auf renoviert werden. Die Kosten dafür werden in den nächsten Jahren viele Millionen verschlingen. Allein die jährlichen Bauunterhaltungskosten sollen rund zwei Millionen Euro betragen. Klar ist: Bei der aktuell angeschlagenen Haushaltslage ist mehr als ein Klimmzug nötig, um die Instandhaltung des Kulturtempels zu leisten und den Großteil der 18 Millionen Euro Kaufsumme für das Gebäude zu bezahlen. Ein Teil davon, rund sieben Millionen Euro, wurde seit 2010 angespart. Der Rest muss finanziert werden.

Seit März ist das Haus geschlossen

So viel zur „Hardware“. Stadt, Intendant, Künstler und Gäste wünschen sich eines sehnlichst: Das ehrenwerte Haus muss dringend wieder bespielt werden, damit Geld in die Kasse kommt und die Besucher sich bald wieder an Konzerten und anderen Spektakeln erfreuen können. Rot angeleuchtet war das Festspielhaus bei der „Night of Light“: Bei der Solidaritäts-Aktion der Kulturveranstalter und Bühnen am 22. Juni beteiligte man sich am flammenden Appell an die Politik, der auf die Not der Kulturschaffenden aufmerksam machte. Seit März ist das Haus geschlossen. Corona-bedingt musste die Saison 2019/2020 vorzeitig beendet werden.

Hoffen auf den Rettungsfonds

„Wir haben wegen der Corona-Krise einen Rettungsfonds beim Land Baden-Württemberg beantragt“, ließ Intendant Benedikt Stampa verlauten. Dieser würde helfen, das Jahr 2020 zu überstehen – doch wie wird es dann weitergehen? Das Geschäftsmodell des Festspielhauses sieht vor, sich maßgeblich durch Einnahmen zu finanzieren. Um diese zu erzielen, müssen sich die Türen bald wieder öffnen.

Einsatz fürs Festspielhaus

Regionale Politiker mehrerer Parteien haben sich nun mit einem Brief nach Stuttgart gewandt, um Hilfe aus der Landeskasse zu erbitten. 50 Millionen Euro hat man in Stuttgart vorgesehen, um Kultureinrichtungen zu unterstützen. Laut Festspielhaus-Sprecher Rüdiger Beermann gebe es klare Signale, dass Stuttgart dem Festspielhaus helfen möchte. Petra Olschowski, Kunst-Staatssekretärin in Stuttgart, hat mitgeteilt, dass man sich im Rahmen der Hilfsmaßnahmen des „Masterplan Kultur BW / Kunst trotz Abstand“ für die Existenzsicherung des Festspielhauses einsetzen wird.

Vorstellungen ab Herbst?

„Wir vermissen das Publikum, die Künstler und denken an viele Kolleginnen und Kollegen, die derzeit um ihre Existenz kämpfen“, heißt es aus dem Festspielhaus – und die Freunde dieses einzigartigen Hauses vermissen die Konzerte oder Ballett-Abende von Weltrang im ehemaligen Baden-Badener Bahnhof.

Wann dort wieder Veranstaltungen stattfinden, ist noch ungewiss. „Wir gehen davon aus, dass wir im Herbst 2020 mit einem behördlich genehmigten Hygiene-Konzept wieder vor Gästen spielen können. Aber es muss künstlerisch wie wirtschaftlich Sinn machen“, heißt es aus dem Festspielhaus. Hoffen wir, dass es dabei bleibt. Damit wir das Ballett von John Neumeier im Oktober erleben dürfen, die wunderbare Sol Gabetta mit ihrem Cello sowie den unwiderstehlichen Jazztrompeter Til Brönner im November. Und viele andere mehr. Hoffentlich bald.

Fotos: Ben Becher