Baden-Baden: Rund neun Prozent der Menschen leben in Armut

06November
2018

Wer an den Luxusboutiquen und Nobelrestaurants unserer Stadt vorbeispaziert, kann leicht einem Trugschluss erliegen: Man könnte meinen, dass hier nur Reiche leben. Das ist nicht der Fall: Wie überall müssen viele Bürger aufs Geld schauen. Und: Es gibt viele Arme. Die Zahlen alarmieren.

Fast 5.000 Personen leben von Hartz IV und anderen Sozialleistungen. Darunter sind 1.149 Kinder und 926 Senioren über 65 Jahre. Dies geht aus dem städtischen Armutsbericht hervor, dessen Zahlen vor wenigen Wochen aktualisiert wurden.

Baden-Baden – ärmer als sein Ruf

Im Vergleich mit den anderen Stadtkreisen sei Baden-Baden mit neun Prozent armer Menschen im vorderen Drittel zu finden. Die schicken Schaufenster mit teurer Ware, sie spiegeln nicht wider, was sich ein Bürger hier leisten kann und was nicht.

Schicksale mit wenig Hab und Gut

Luxusboutiquen und Nobelrestaurants – wohl eher etwas für Touristen oder eine nur kleine Schicht unserer Bürger. Der Redaktion ist der Fall einer Rentnerin bekannt, die sich keine neue Sehhilfe leisten konnte und auch keine osteopathische Behandlung für ihren kranken Rücken. Ihre Kasse hat die Kosten nicht übernommen. Über private und zum Teil anonyme Spenden konnte der Frau dann zumindest etwas geholfen werden. Armut ist aber meist etwas, was man verbirgt, solang man’s kann: Wer gibt sich schon gern eine Blöße?

Die Zahl derer, die sich keine Wohnung mehr leisten können, steigt

Armut wird sichtbar, wenn Menschen auf der Straße leben müssen. Die Zahl der Obdachlosen in Baden-Baden schießt durch die Decke. „Ich musste staunen, als ich vor einigen Tagen aus der Augusta-Parkgarage kam. Ein Schläfer an der Bushaltestelle am Vormittag. Kein schöner Anblick: Er berührt. Was machen die sozial abgehängten Menschen dann im Winter? Wo schlafen und wie überleben sie eigentlich in unserer Stadt?“, fragt unser FBB-Mitglied Uschi Beer. Und sie will wissen: Wie viele gibt es, weiß man das?

Doppelt so viele Obdachlose

Ja, weiß man, aus dem Armutsbericht: Innerhalb der vergangenen vier Jahre hat sich die Zahl der Obdachlosen verdoppelt: Zwischen 2014 und 2018 ist die Zahl von 137 auf 278 Fälle gestiegen.

Hilfe gibt es bei einer Fachstelle

Der Stadtkreis hat 2015 eine Fachstelle für Wohnungsraumsicherung eingerichtet, um Obdachlosigkeit möglichst zu verhindern. Doch es gelingt nicht immer. Je nach Einzelfall können Mietschulden übernommen werden – oder die Mitarbeitenden des Sozialamts verhandeln mit der Vermieterin oder dem Vermieter, um die Wohnung zu erhalten, sofern es noch eine gibt. Bei akuter Obdachlosigkeit können Betroffene zunächst einen Platz in einer Notunterkunft erhalten. Danach versuchen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Sozialamts, zu helfen.

Obdachlosigkeit und Wohnungsmarktlage hängen zusammen

Der Armutsbericht greift die Themen Wohnungsmarktlage und Obdachlosigkeit auf. Trotz vieler Wohnungsbauprojekte ist in Baden-Baden der Wohnungsmarkt angespannt. Dies zeigt sich eben auch an der steigenden Zahl der Obdachlosen.

„Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit den Schwächsten ihrer Glieder verfährt“, hat Ex-Bundespräsident Gustav Heinemann einmal gesagt. Wenn das so ist, dann muss in unserer Stadt noch viel getan werden.

Wie am tatsächlichen Wohnbedarf vorbeigeplant wird: Darüber lesen Sie bald mehr auf Fokus.

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